Eine Schafherde mit Dermatophilose

 

Einleitung

Den Hautkrankheiten der Schafe wird in der schweizerischen Fachwelt kaum oder nur sehr wenig Beachtung geschenkt (GIGER, 1980). Am meisten interessieren den Amtstierarzt die wieder häufigeren Räudefälle. Er ergreift die notwendigen Massnahmen und setzt sich für die Einhaltung der Sperren ein. Mitunter Schuld am mangelndem Interesse der Fachwelt an anderen Hautproblemen beim Schaf, ist der seit ein paar Jahren extrem tiefe internationale Wollpreis. Der Schafbesitzer in der Schweiz konzentriert seine Zucht auf Vollfleischigkeit, besseren Masttageszuwachs und kümmert sich nicht um die z.T. erheblich geringere Wollqualität. Nicht so in Australien und Neuseeland, wo die Schafe trotz der miserablen Wollpreise ausschliesslich der Wolle wegen gehalten. Die Untersuchungen über die Dermatophilose stammen deshalb grösstenteils aus den bekannten Schafzuchtnationen Australien, Grossbritannien und Südafrika. Nach EDWARDS J. R. et al. (1985) sind mehr als 60% der Schafherden in Australien mit Dermatophilose befallen. Das Ziel dieser Arbeit ist es, die Tierärzte und Schafhalter in der Schweiz auf die immer häufiger werdende Dermatophilose aufmerksam zu machen und zu zeigen, dass neben der Psorptose, der Trichophytie und des Ecthyma contagiosum auch andere Hautkrankheiten diagnostiziert werden können.

 

Fallbeschreibung

Nach dem regenreichen Sommer 1992 traten bei zwei verschiedenen Herden im Kanton Schwyz und im Kanton Obwalden die ersten Symptome auf. Die Tiere wurden teils im Berner Oberland, teils im Kanton Appenzell gealpt und vorschriftsgemäss im Frühsommer gegen Räude (Psoroptose) behandelt (Bad). Die befallenen Schafe der Rasse BFS und SBS waren zum grossen Teil älter als ein Jahr. Bei der Alpabfahrt zeigten sich die Tiere mässig genährt, was auf den nasskalten Sommer zurückzuführen war.

Die Woll- und Hautveränderungen waren nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Auffällig erschien nur die stellenweise schmutzige Verfärbung des Vlieses im Bereich des Widerristes, der Kruppe, des Schwanzansatzes und der Flanke.

 

Klinisches Bild

 

Wird die Wolle der erkrankten Regionen zerteilt, zeigt sich eine exsudative Dermatitis s. Abb. Das Ausmass der Veränderungen erstreckt sich über leicht gelbliche 3mm grosse Ausschwitzungen, orange Krusten, bis zu graubraunen borkigen Auflagerungen, deren unangenehmer muffiger Geruch in die Nase steigt. Das Vlies im betroffen Gebiet ist deutlich rauher und die Wollspitzen können verklebt sein. Bei seltenem starkem Befall kann es zum grossflächigen Abbrechen der Haare kommen (MUMME und SUPPER 1982). Die Tiere können geringen Juckreiz zeigen, weitaus häufiger sind jedoch Schmerzreaktionen und Ausweichbewegungen beim Berühren der veränderten Hautstellen (GIGER 1980).

In einigen Ländern gibt es eine podale Form der Dermatophilose, welche die weniger bewollten Hautpartien vorallem bei Lämmern befällt. Die Schafe zeigen an den Beinen hyperämische Stellen, die verkrusten oder in feuchte, rissige, blumenkohlartige Wucherungen übergehen. Die entzündlichen Schwellungen können schliesslich den ganzen unteren Fuss überziehen (DEDIE und BOSTEDT 1985). Diese Form der Dermatophilose wurde bei uns nie beobachtet.

 

Erreger

Die oben beschriebenen Symptome werden durch das Bakterium Dermatophilus congolensis hervorgerufen. Der Erreger gehört zu den gram-positiven irregulären Stäbchen und ist bis heute der einzige pathogene Vertreter seiner Familie. Da D. congolensis. ein mycelartiges Wachstum aufweist, wurde er einerseits zu den Mykosen, andererseits zu den Noccardien oder Actinomyceten gezählt. Deshalb sind die Namen der Krankheit in der Literatur und je nach befallener Tierart sehr verschieden: kutane Steptotrichose, Noccardial dermatitis, Cutaneous noccardiosis, kutane Aktinomykose, mycotische Dermatitis (WEBER und SCHLIESSER 1971). Namen wie: Regenfäule, „lumpy wool“ desease, „stawlberry foot rot“ sind ebenfalls gebräuchlich (MUMME und SUPPER 1982, DEDIE und BOSTEDT 1985).

Neben dem Schaf sind viele andere Tierarten (vorallem in tropischen Ländern) wie auch der Mensch (WEBER 1978) betroffen. Die Krankheit ruft ähnliche Bilder hervor. "Water pattern" beim Pferd scheint nach eigenen Erfahrungen und auch nach BRACHER (1993) relativ häufig zu sein, Streptotrichose bei Hunden und Katzen tritt dagegen sehr selten auf (NIEMAND und SUTER 1989, KRAFT und Dürr 1991).

 

Übertragung

Die Tiere stecken sich selten gegenseitig durch direkten Kontakt an. Grundsätzlich kann sich der Erreger dann vermehren, wenn er auf die nicht mehr intakte Haut gelangt. Daraus ergeben sich zusätzlich die weitaus häufigeren Infektionswege der Dermatophilose. Als Vektoren dienen Stechmücken, Fliegen und Zecken. Dermatophilose wird zunehmend im Zusammenhang mit der Schafräude, (Psoroptose) diskutiert (DAVID H. et al., 1990). Dabei wird der Milbe eher eine Wegbereiterrolle zugeschrieben. Zusätzlich schwächt die Psoroptose auch die Abwehrkraft der Haut und schafft somit günstige Bedingungen für eine bakterielle Hautinfektion (DAVID H. et al., 1990).

 

Diagnose

Verdächtig sind die oben beschriebenen Hautveränderungen an den typischen Lokalisationsstellen (zwischen den Schulterblättern, Kruppe, Schwanzansatz, Flanke) und der meistens fehlende Juckreiz. Auch das Auftreten der Symptome nach einer längeren Regenperiode ergibt Hinweise.

In Anbetracht einer bevorstehenden Ausstellung wurden bei sämtlichen Schafen einer befallenen Herde von verschiedenen Körperstellen Hautgeschabsel entnommen, um Schafräude nachzuweisen. Trotz des negativen Befundes wurden alle Tiere mit Ivomec® behandelt und zusätzlich mit Galesan® gewaschen. Es trat darauf keine Besserung ein. Die Regenperiode hielt an und die Veränderungen breiteten sich langsam von der Kruppe über den ganzen Rücken aus. An einem regnerischen Tag wurde von dem am stärksten befallenem Tier aus dem nassen Vlies Proben entnommen. Dabei wurde darauf geachtet, möglichst viel Krustenmaterial von noch relativ frischen Veränderungen zu erhalten. Zum Teil war es nötig mit einer Skalpellklinge auf der schmierigen Haut zu schaben bis Blut austrat. Die Proben wurden am selben Tag in sterilen Proberöhrchen ungekühlt ins Tierspital Zürich gebracht. Am Veterinärmedizinischen Institut für Bakteriologie wurden die Proben sofort weiterverarbeitet und untersucht. Folgende Befunde wurden erhoben:

            +++     unspeziefische Keime

            ++       Dermatophilus congolensis

            +          A. pyogenes

Drei Wochen später wurden neben den ersten Tieren noch zwei weitere auf Dermatophilose untersucht. Es konnten in keinem Fall Dermatophilose diagnostiziert werden. Es konnten nur unspeziefischer Keimgehalt und wieder A. pyogenes nachgewiesen werden.

 

Therapie und Prophylaxe

D.congolensis bildet sehr resistente Sporen und überwintert in dieser Form, um so bei wieder höheren Temperaturen und genügend Feuchtigkeit ins infektiöse Stadium überzugehen. Eine Behandlung mit irgend einem Medikament zum Zeitpunkt der Sporenbildung hätte somit vermutlich keine Wirkung. Als relativ unwirksam in unserem Fall haben sich die mehrmaligen Waschungen mit Quaternären Ammoniumverbindungen (Desogen®) erwiesen. Die ebenfalls beschriebene Behandlung mit 70 mg/kg KGW. Streptamin zusammen mit 60'000 I.E. Penicillin (WEBER A. und SCHLIESSER T., 1971, GIGER 1980) oder auch mit L.A. Oxytetrazyklin 20 mg/kg KGW (DAVID H. et al., 1990) brachte gewisse Erfolge, jedoch nur bei jenen Tieren, bei denen die Dermatophilose noch nicht in Abheilung begriffen war. Bei den meisten Tieren besserte sich das klinische Bild 2 - 3 Wochen nach der Aufstallung. In der Literatur wird von einzelnen therapieresistenten Tieren berichtet (DAVID H. et al., 1990), die dann als Reservoir für D. congolensis dienen. In solchen Fällen wird zur Schlachtung der betroffenen Tiere geraten (MUMME und SUPPER 1982, EDWARTS et al., 1985).

In Australien wird zur Prophylaxe einen Impfstoff gegen Dermatophilose eingesetzt (SUTHERLAND S. und ROBERTSON G. 1988, SANDERS et al., 1991). Bei uns könnte man sich am ehesten eine gute Mücken, Fliegen und Zeckenbehandlung vorstellen. Mit recht gutem Erfolg wurde im darauffolgendem Sommer in einer Herde Cyhalotrin® im pour on Verfahren als Ungezieferschutz verwendet. Im Herbst traten in der so behandelten Herde keine Neuinfektionen mit D.congolensis auf. Die im Vorjahr am stärksten befallenen Tiere zeigten aber wiederum eine nässende Dermatitis im Kruppenbereich.

 

Verlauf

Nach der Aufstallung heilte bei allen Tieren die Veränderungen vollständig ab. Zum Zeitpunkt der Schur waren nur die verklebten Spitzen der Wolle sichtbar und darunter war die Haut trocken und krustenfrei. Die frische nachgewachsene Wolle war weiss und sauber.

Nach einem abermals regnerischen Sommer und einer ca. 3 - 4 monatigen Alpungszeit zeigten erneut alle Schafe mit Ausnahme der Tiere, die jünger als ein Jahr alt waren, die Symptome der Regenfäule. Bei einem erstmals erkrankten Tier einer neuen Herde wurden die Krusten untersucht, und man konnte neben einem unspezifischen Keimgehalt und A. pyogenes wieder D.congolensis nachweisen.

 

Literatur

 

BRACHER, V. (1993)

Hautkrankheiten beim Pferd.

Veterinärmedizinische Klinik der Universität Zürich, Vorlesung s 16.

 

DAVID H., LLOYD JULIAN P., HAWKINS and PRAGNELL J. (1990)

Efficacy of  Long Acting Oxytetracycline in the Treatment and control of bovine dermatophilosis.

Veterinary Dermatology 1, 79 - 84.

 

DEDIE K. und BOSTET H. 1985.

Schafkrankheiten

Verlag Eugen Ulmer Stuttgart, 144 - 145

 

EDWARDS J., GARDNER J., NORRIS R., LOVE R., SPICER P., BRYANT R., GWINN R., HAWKINS C. and SWAN R. (1985)

A survey of ovine dermatophilosis in Western Australia.

Austr. Vet. Journal Vol 62, No.11, 361 - 365.

 

GIGER T. (1980)

Mycotische Dermatitis (Dermatophilus congolensis) beim Schaf in der Schweiz.

2. Intern. Symposium für veterinärmedizinische Labordiagnostik, Luzern Schweiz 24. - 26. Juni.

 

KRAFT W. und Dürr U. (1991)

Katzenkrankheiten, Klinik und Therapie.

Verlag M. und H. Schaper, 3. Auflage, s. 200.

 

MUMME J. und SUPPER R. (1982)

Dermatophilose in einer Schafherde.

Tierärztliche Praxis 10, 153 - 161.

 

NIEMAND H. und SUTER P. (1989)

Praktikum der Hundeklinik.

Verlag P. Parey, 6. Auflage, s. 230

 

SANDERS A., HOW S., LLOYD D. and HILL R. (1991)

The Effect of Malnutrition on Vaccination against Dermatophilus congolensis  Infection in Ruminants.

J. Comp. Path. Vol. 105, 37 - 48.

 

SUTHERLAND S. and ROBERTSON G. (1988)

Vaccination against ovine Dermatophilosis.

Veterinary Microbiology 18, 285 - 295.

 

WEBER A. und SCHLIESSER T. (1971)

Microbiologische Untersuchungen an zwei Stämmen von Dermatophilus Congolensis van Saceghem 1915.

Zbl. Vet. Med. B, 18, 546 - 556.


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